Fachkräfte gewinnen und behalten

38 ARTISET 04/05 I 2023 Empörungsgesellschaft drängt alle, Stellung zu beziehen, und das erzeugt enormen Druck. Corona hat diesen Druck noch zusätzlich erhöht: Die Jugendlichen haben am meisten unter erschwerten Übergängen wie Schulwechsel und Einstieg ins Berufsleben gelitten. Und sie haben vermehrt Social Media konsumiert, sich mit anderen verglichen, Angst gehabt, nicht dazuzugehören... Dieses ständige Vergleichen ist überhaupt nicht gesund: Wir wissen, dass nichts das Hirn so sehr erschöpft wie das Nachdenken darüber, was andere von einem halten. Unser emotionales Hirn mag mit dem Verarbeiten nicht nach. Hinzu kommt: Empörung ist das Kokain der Gefühle, macht süchtig – und gibt Klicks. Soziale und andere Medien haben deshalb grosses Interesse, viel Empörung zu erzeugen. Diese Reizüberflutung und die ständige Emotionalisierung überfordern viele Jugendliche. Und dann finden Uni und Ausbildung oft auch noch auf virtuellen Plattformen statt… Genau, und das wiederum hat mit Unterbrechungen zu tun. In einer Studie, in der Testpersonen zehnMinuten lang Aufgaben lösen sollten, zeigte sich, dass jene, die dabei mehrmals unterbrochen wurden, zwei- bis sechsmal mehr Energie benötigen als die anderen. Paralleles Erledigen von Aufgaben, Präsentsein auf verschiedenen Plattformen, Reagieren auf alles, was hereinkommt – das laufende Hin- und Herschalten der Aufmerksamkeit ist wahnsinnig anstrengend. Und es führt dazu, dass nichts mehr ein Ende hat: Die Generation der Über-50-Jährigen hat noch die Idee, dass man den Posteingang öffnet, hereinkommende Mails erledigt und am Abend ein leeres Postfach hat. Die Jugendlichen lachen da nur: Sie betreiben Skimming, «Abschöpfen», also nur noch Relevantes herauspicken. Aber es ist endlos, und das ermüdet stark. Was benötigen Jugendliche und junge Erwachsene in dieser Situation? Die neuen Medien versuchen laufend, die Nutzungszeit zu erhöhen, das Suchtpotenzial zu aktivieren. Da braucht es dringend Gegensteuer, wahrscheinlich sogar Technologien, die uns helfen, herauszufiltern, was uns wirklich interessiert: Ich nehme mir 30 Minuten Zeit für Soziale Medien, brauche also vielleicht wiederum eine App, die mir herausfiltern hilft, was wichtig ist. Dort brauchen die Jugendlichen – und wir alle – rasch Unterstützung. Längerfristig kann das aber nicht die Lösung sein? Jugendliche überlegen sich sehr aktiv, wie sie Energie generieren und kompensieren können, wie sie Ruhe und Kraft finden. Sie suchen dabei nach fundiertem Wissen, beispielsweise zum Thema Schlaf, und ihnen ist bewusst, dass Beziehungen sehr wichtig sind. Aber es braucht mehr: England hat ein Autismusgesetz, das verlangt, dass Arbeitgeber und Gesellschaft «reasonable adjustments» machen müssen, um annehmbare Arbeitsbedingungen zu schaffen für Menschen mit Autismus. Dasselbe gilt für Jugendliche der Generation Z: Sie brauchen vernünftige Anpassungen vonseiten der Arbeitgeber. An welche Anpassungen denken Sie konkret? Den Jugendlichen fehlen pandemiebedingt zweieinhalb Jahre an klaren Strukturen. Die Stufe zur Lehre ist dadurch viel höher geworden, die Jugendlichen brauchen viel mehr Hilfe, um den Übertritt zu schaffen. Übergänge werden wohl auch weiterhin schwieriger sein und eine engere Begleitung erfordern. Wir haben noch zu sehr die Idee, die Berufswelt sei eine Erwachsenenwelt, und es benötige nur noch die fachliche Begleitung. Das ist veraltet: Wer ausbilden will, muss Leute anstellen, die wirklich bereit sind, eine enge und umfassende Begleitung zu übernehmen. Das heisst, Berufsbildende müssen viel besser geschult werden in Weichenführungsfunktionen, darin, Jugendliche Schritt für Schritt zu begleiten. Was brauchen denn die Jugendlichen, besonders die vulnerablen, beim ersten Schritt in die Ausbildung? Die Passung ist sehr zentral: Das Potenzial eines Jugendlichen beispielsweise mit ASS ist riesig, wenn er eine Lehrstelle findet, die gut auf seine Fähigkeiten abgestimmt ist. Liegt das schon nur um 10 Prozent daneben, wird die gleiche Person scheitern. Hier müssten die Berufsberatungen und Schulen viel mehr spezialisiertes Know-how bekommen. Ein Rollstuhl wird in die Berufswahl automatisch mit einbezogen, eine psychische BeAktuell «Jugendliche brauchen vernünftige Anpassungen vonseiten der Arbeitgeber: Wer ausbilden will, muss bereit sein, eine enge und umfassende Begleitung zu übernehmen.» Thomas Ihde-Scholl

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