Fachkräfte gewinnen und behalten

40 ARTISET 04/05 I 2023 nie allein beheben können: Die Versorgung sei viel zu medizinlastig und müsse wesentlich breiter abgestützt werden. Das können wir aber nur erreichen, indem die Bereiche Bildung und Soziales gestärkt werden, indem Arbeitgebende und Ausbildende Kompetenzen erhalten und unterstützt werden. Ausbildungsverantwortliche müssten also lernen, wie sie sich verhalten müssen, wenn sie bei Jugendlichen psychische Not feststellen? Ja. Momentan herrscht eine generelle Überforderung mit diesemThema, alle haben universelle Ängste. Fragen heisst ja letztlich eine Tür aufstossen, da überlegt man schon: «Was mache ich, wenn ein Jugendlicher über Suizidgedanken spricht? Löse ich mit meinen Fragen sogar Suizidgedanken aus? – Jedenfalls bin ich überfordert, darum frage ich lieber gar nicht.» Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Aber viele haben Sorge, danach die Verantwortung zu tragen, weil die Versorgungslage so schlecht ist. Es mangelt ja tatsächlich überall an rasch verfügbarer Hilfe wie beispielsweise Traumatherapie. Ja, ich erlebe das auch in unserer Region: Schwer belastete Jugendliche erhalten in der Jugendpsychiatrie ein paar Stunden Krisenintervention, müssen dann aber zwölf Monate warten auf ein spezifisches Programm, das ihnen hilft, mit Suizidalität umzugehen! In diesen zwölf Monaten hängen Lehrer, Lehrmeisterin oder Fussballtrainer im Leeren. Viele leiden unter dieser Last und fühlen sich alleingelassen. Wie könnten sie den Jugendliche in solchen Momenten helfen? Das ist sehr unterschiedlich. Die einen brauchen Schonraum, die anderen stützende Strukturen. Für die einen ist Sonderbeschulung die beste Möglichkeit, für andere Inklusion. Insgesamt müsste man eine Querschnittfunktion aus Psychiatrie, Bildung und Sozialem entwickeln, und es wird Fachpersonen benötigen, welche die nötigen Angebote erarbeiten. Vorerst gibt es diese aber noch nicht, deshalb können wir vor allem sensibilisieren und Lehrkräfte ermutigen, die Schüler anzusprechen. Sollten Ausbildende also am besten einen «psychologischen Erstehilfekasten» erhalten? Ja. In Australien sind «Erste-Hilfe-Kurse für psychische Gesundheit» seit 30 Jahren obligatorisch. Bei uns gibt es seit ENSA-KURS: «ERSTE HILFE FÜR PSYCHISCHE GESUNDHEIT» Ensa ist ein Projekt der Schweizerischen Stiftung Pro Mente Sana, unterstützt von der Beisheim Stiftung. Es wurde aus dem australischen Programm «Mental Health First Aid» für die Schweiz adaptiert. «Ensa» heisst in einer der 300 Sprachen der australischen Ureinwohner «Antwort». Das Programm eignet sich für Lehrpersonen und Ausbildende, aber auch alle anderen Interessierten. ➞ ensa.swiss fünf Jahren eine Schweizer Version, den Ensa-Kurs. Inzwischen gibt es Firmen, bei denen alle Lehrlingsbeauftragten einen solchen Kurs absolviert haben. Das bewirkt einiges, auf der fachlichen Ebene, aber vor allem auf der Haltungsebene: Die so Ausgebildeten gehen anders auf junge Leute zu, sie machen bei psychischer Belastung nicht den Schritt zurück, sondern den Schritt auf sie zu. Wer sich in einem Ensa-Kurs mithilfe von Rollenspielen in Jugendliche hineinversetzt hat, kann besser nachvollziehen, wie sie sich fühlen. Das fördert Empathie und baut Schwellen ab, und das Wissen bewirkt eine Entstigmatisierung. Wie schätzen Sie die Zukunft ein: Werden junge Menschen lernen, mit den neuen Anforderungen umzugehen? Mir gefällt dazu ein Bild: Bambus wiegt im Wind, ist biegsam und daher letztlich widerstandsfähiger als Stahl. Das wird die Zukunft sein. Die Generation Z wird weiterkommen als wir, sie wird die Chancen der Reizreduktion entdecken und merken: Weniger ist mehr. Vermutlich werden sie später zurückblicken und wegen uns die Hände verwerfen. * Thomas Ihde-Scholl ist Chefarzt der Psychiatrie der Spitäler fmi AG in Interlaken, Präsident der Stiftung Pro Mente Sana und Referent an der Mai-Tagung von Insos und Youvita. MAI-TAGUNG VON INSOS UND YOUVITA «Und ich weiss, was ich will. Erfolgreicher Berufsfindungsprozess mit Jugendlichen mit psychischen Schwierigkeiten.» Dienstag, 9. Mai 2023, Landhaus, Solothurn. Thomas Ihde wird ein Keynote-Referat halten zum Thema «Psychische Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen stärken.» Danach diskutiert er am Podium mit anderen Fachpersonen, wie man Jugendliche mit psychischen Problemen in der Berufsfindungsphase optimal begleiten kann.

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