Fachkräfte gewinnen und behalten

ARTISET 04/05 I 2023 41 Aktuell Mit diesem Artikel möchte ich dazu einladen, darüber nachzudenken, wie die eigene Haltung und das eigene professionelle Verständnis in der Begegnung mit psychisch kranken Menschen handlungswirksam werden. Anhand von zwei Beispielen werde ich deutlich machen, wie wesentlich es ist, eigenes Verständnis und Handeln in der Begegnung immer wieder zu reflektieren. Diese Reflexion führt uns in die Möglichkeit einer veränderten Kultur der Begegnung und hilft, neues Verständnis zu gewinnen und die eigenen Handlungsmöglichkeiten bewusst zu erweitern. Einleitend ein paar Gedanken zum Verständnis psychischer Erkrankungen. Dass die Psyche eines Menschen in eine schwerwiegende Instabilität geraten kann, ist seit alters her bekannt. Verlust von Orientierung, Vertrauen und Sicherheit gehen damit einher. Mit dem Psychiater Emil Kraepelin (1856 –1926) begann die Systematisierung und Differenzierung dieses unerwartet fremden und bedrohlichen Erlebens unter demOberbegriff psychische Erkrankung. Als Ursache wurde und wird ein psychischer Defekt vermutet. Die eigentlichen Ursachen sind allerdings bis heute unbekannt. Eine Orientierung gebende Antworthypothese bildet das Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Man geht von einem biologischen Defekt bei der Signalübertragung im Gehirn aus und von einer besonderen psychosozialen Verletzlichkeit des betroffenen Menschen. Dieses Verständnis wird in einer Krisensituation handlungswirksam. In der Begegnung von Pflege- und Betreuungs- mit betroffenen Personen zeigt sich eine Polarität: Hier der stabile und kontrolliert helfende Mensch, dort der instabile und unkontrolliert hilfebedürftige Mensch. Eine Begegnung auf Augenhöhe wird erst durch gemeinsame Reflexion möglich. Stabilität und neues Vertrauen Dass es sich lohnt, dies genauer anzuschauen, möchte ich anhand von zwei unterschiedlichen Beispielen aufzeigen. Auf der einen Seite der helfende Mensch mit seinem Fachwissen und seiner professionellen Stabilität. Aus beiden wechselwirkenden Faktoren schöpft die Fachperson ihr Vertrauen in der Begegnung. Auf der anderen Seite der Mensch mit seinem vermuteten psychischen Defekt, der auffällig in seinem Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln und in dieser Instabilität hilfebedürftig ist. Das zentrale Bedürfnis dieses Menschen ist es, aus einer fremden und unsicheren Situation wieder in eine gesunde Stabilität mit einer sinnvollen Orientierung und neuem Vertrauen zu finden. In einem ersten Beispiel zeige ich auf, wie mangelnde Reflexion bestehende Muster und aggressiv-destruktives Potenzial eher erhalten und fortschreiben kann: Ein Mann, Mitte vierzig, mit einer schwerwiegenden psychiatrischen Diagnose und mit vielen schmerzhaften, schon früh überfordernden Lebenserfahrungen, bezieht eine IV-Rente und hat eine Beiständin. Als an einem Freitag noch kein erwartetes Geld auf seinem Konto ist, gerät er in Das eigene Tun reflektieren Wie das Nachdenken über das eigene Handeln hilft, Verständnis und Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit psychisch kranken Menschen zu erweitern. Der Autor ist Psychologe und schreibt aus seiner Praxis-Erfahrung. Von Uwe Bening*

RkJQdWJsaXNoZXIy MTY2NjEzOQ==