Identität leben und gestalten | Magazin ARTISET | 3 2024

10 ARTISET 03 I 2024 einzelnen Individuum standen. Die Stellung des Individuums im Kollektiv variiert in der Geschichte sehr stark. Heute bildet die Einzigartigkeit des Individuums die Norm. Wir leben in einer sehr individualistischen Gesellschaft. Jeder Mensch schafft sich seine eigene Geschichte, seinen «persönlichen Mythos», indem er sich mit einer übertriebenen Darstellung des eigenen Selbstbildes und der eigenen Identität in den sozialen Medien in Szene setzt. Wie beeinflusst diese Norm, einzigartig sein zu müssen, die Identitätsbildung? Einzigartig oder auch autonom sein zu müssen, vermittelt die Vorstellung, dass alle, die nicht autonom sind – dazu gehören Menschen mit Behinderung und betagte Personen –, verletzlich oder abhängig sind. Und in der Schweiz leben viele Menschen, die dieser Norm nicht entsprechen und sich deshalb minderwertig oder sogar diskriminiert fühlen. Im Rahmen unserer Arbeiten mit dem Forschungszentrum LIVES haben wir beschlossen, den Spiess umzudrehen und die Vulnerabilität als Norm zu definieren. Wir alle sind verletzlich, einfach in unterschiedlichen Ausmass. Diese Selbsterkenntnis erlaubt es, allen Personen dabei zu helfen, ihrer Situation entsprechend möglichst viel Autonomie zu erlangen. Seit diesem Perspektivenwechsel hat sich mein Leben verändert. Eine solche Umkehr der Normen ist tatsächlich sehr entlastend und zudem führt es dazu, dass wir hilfsbereiter werden… Genau. Schon in der Schule hören wir ständig «sei selbstständig!». Was wir hingegen weniger lernen, ist, jenen zu helfen, die Schwierigkeiten haben, oder dass wir selbst um Hilfe bitten können, wenn es für uns einmal gerade schwierig ist. Der Wettkampf ist wichtiger als die Zusammenarbeit. Bereits als Kind stehen wir im Wettbewerb zu anderen und müssen beweisen, dass wir uns zu einem selbstständigen Individuum entwickeln. Das ist sicher richtig, aber nicht ausreichend. Nicht alle werden dies auf die gleiche Art und Weise schaffen. Menschen haben unterschiedliche Vulnerabilitäten, die mit ihrer Geschichte oder ihrer Genetik zusammenhängen und sind nicht zwingend dafür verantwortlich, was ihnen widerfährt. Wie kann sich die Identität bei vulnerablen Personen (neu) bilden? Nehmen wir als Beispiel die Behinderung. Grundsätzlich werden zwei Situationen unterschieden: angeborene und später eingetretene Behinderungen. Letztere haben einen Identitätsbruch zur Folge, und Betroffene müssen ihre Identität neu aufbauen. Die Dynamik unterscheidet sich in diesen beiden Situationen. Auch die Ressourcen, über die Betroffene verfügen, um möglichst ihren Wünschen entsprechend zu leben, sind nicht dieselben. Die Zukunft gestaltet sich ganz anders, wenn ein Mensch von Grund auf – selbst mit Einschränkungen – eine Identität aufbauen kann, als wenn er zum Beispiel nach einem Unfall eine neue Geschichte und Identität erschaffen muss. Um Identität leben und gestalten zu können, sind persönliche Ressourcen erforderlich. Welche können Sie hier konkret benennen? Es gibt unterschiedliche Arten von Ressourcen. So etwa persönliche Ressourcen, die ein Individuum auf seinem bisherigen Lebensweg erworben hat und die eng mit seiner Persönlichkeit und seinen Fähigkeiten verknüpft sind. Dario Spini: «Wir haben beschlossen, den Spiess umzudrehen und die Vulnerabilität als Norm zu definieren. Letztlich sind wir alle vulnerabel, einfach auf unterschiedliche Art und Weise.» Foto: zvg

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