Identität leben und gestalten | Magazin ARTISET | 3 2024

ARTISET 03 I 2024 41 Aktuell Pflegeheime auf jeden Fall fortbestehen. Die Heime werden sich natürlich verändern, anpassen und weiterentwickeln müssen, aber sie werden nicht verschwinden. Neben der demografischen Alterung spricht auch der Arbeitskräftemangel für eine Öffnung der Alters und Pflegeheime gegenüber ihrem Sozialraum. Auf jeden Fall, aber über intermediäre Strukturen und unter der Voraussetzung, dass entsprechende Rahmenbedingungen gegeben sind, damit die Mitarbeitenden auch in diesen heimnahen Strukturen arbeiten können. Denn genau dies ist entscheidend: Wir wissen, dass die stationäre Betreuung effizienter und effektiver als die ambulante ist, weil das Personal keine langen Wege zwischen den zu versorgenden Menschen hat. Aus meiner Sicht werden sich die Alters- und Pflegeheime auch in ihrer Arbeitsweise weiterentwickeln, um einerseits die Lebensqualität der Betagten, insbesondere im sozialen Bereich, zu verbessern und andererseits ihre Berufe zu modernisieren und noch attraktiver zu gestalten. Wie wird sich die Arbeitsweise verändern? Änderungen werden sich vor allem im Einsatz von assistierenden Technologien und Robotik zur Arbeitserleichterung zeigen. Gerade das Pflegepersonal verrichtet zahlreiche Aufgaben ohne direkten menschlichen Kontakt und auf Kosten der sozialen Interaktion mit den Bewohnenden. Einige Alters- und Pflegeheime testen bereits Handlingroboter, die selbstständig Bettwäsche, Medikamente und andere Gegenstände holen können. In einer fernen Zukunft kann man sich sogar ein intelligentes tragbares Gerät vorstellen, das die Handlungen automatisch erkennt und dokumentiert. Dadurch hätten die Pflegefachkräfte mehr Zeit für jede einzelne Person. Es stellt sich dabei allerdings auch die Frage nach der Finanzierung dieser Beziehungsarbeit. Diverse Studien weisen auf den positiven Einfluss zwischenmenschlicher Beziehungen auf die Lebensqualität hin und empfehlen deshalb eine Professionalisierung dieser sozialen Begleitung. Inwiefern beabsichtigt Curaviva, die Pflegeinstitutionen im Hinblick auf den demografischen Wandel zu unterstützen? Der Branchenverband vertritt seit jeher die Interessen der Institutionen für Menschen im Alter, um ihnen Gehör zu verschaffen. Zu diesem Zweck beschäftigt er sich mit verschiedenen Themen und Dossiers, unter anderem mit der Digitalisierung. Andere Themen sind die Rahmenbedingungen, die Pflegequalität, die personenzentrierte Pflege und die integrierte Versorgung im Rahmen des Wohn- und Pflegemodells 2030. Doch die grösste Herausforderung stellt die Gesundheitsökonomie und -finanzierung dar. Hier werden wir sowohl beim Branchenverband als auch bei der Föderation eine wichtige Rolle übenehmen. Sie sprechen die einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären Leistungen EFAS an? Ja, EFAS ist mit Abstand das wichtigste politische Dossier, mit dem wir uns beschäftigen. Es geht dabei um eine grundlegende Reform der Gesundheitspolitik. Mit einer neuen Kostenaufteilung zwischen Kantonen und Krankenversicherern fördert EFAS die Übergänge zwischen ambulant und stationär, wodurch die Personen je nach Bedürfnis zwischen den verschiedenen Versorgungsstrukturen hin- und herwechseln können. Die Reform betont die Bedeutung der Pflege und gibt uns eine andere Verhandlungsposition. Sie geht klar in Richtung integrierte Versorgung. Welches sind die von Curaviva für die kommenden Jahre definierten Schwerpunkte der Branchenstrategie? Die strategischen Leitlinien werden in einem partizipativen Prozess definiert. Wir beabsichtigen, die Mitglieder zu ihren Bedürfnissen zu befragen und darauf beruhend unsere strategische Ausrichtung zu formulieren. Im Februar kamen wir mit den Kollektivmitgliedern zusammen, das heisst mit den Kantonalverbänden der Institutionen für Menschen im Alter. Im Sommer werden wir Gespräche mit den Einzelmitgliedern über ihre Erwartungen an die Leistungen führen. Das Ziel ist es, dass wir uns im September auf eine Strategie mit einem Leistungskatalog festlegen können. Wir streben eine Strategie an, die offen genug ist, um zukünftigen Entwicklungen vorzugreifen und diese zu integrieren. Der Startschuss für diesen partizipativen Prozess fiel am 28. Februar 2024 in Bern. Welches sind die ersten Erkenntnisse? In diesem ersten Strategieworkshop haben wir unseren Mitgliedern zwei Fragen gestellt: Welche Themen «Die grösste Herausforderung ist die Finanzierung des Gesundheitsbereichs. Wir haben hier eine wichtige Rolle zu spielen: auf der Ebene des Branchenverbands und auf der Ebene der Föderation Artiset.» Christina Zweifel

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